07.06.2005, 23:03
Weg aus der Fettfalle
| 07.06.05 |
Ein neuer Therapie-Ansatz kann helfen, übergroßen Appetit auf Normalmaß zu schrauben. Von Michael Odenwald Übergewicht entsteht anders als bisher gedacht, glauben Forscher aus Kiel und Madrid. Sie entwickeln eine neue Therapie zur Bekämpfung der Fettleibigkeit.
Der Streit um die richtige Diät entbrennt regelmäßig aufs Neue. Um abzunehmen, solle man fettarm essen, sagen einige Ernährungswissenschaftler. Schließlich verursache übermäßiger Genuss fettreicher Speisen die überflüssigen Pfunde. Es gelte eher die Kohlenhydrate zu reduzieren, kontern andere, da es diese Stoffe dem Körper erst ermöglichen, die Fettpölsterchen aufzubauen.
Enthemmter Hunger
Nun entdeckten Michael Hermanussen, Professor für Kinderheilkunde an der Universität Kiel, und Jesus Tresguerres, Internist an der Madrider Universidad Complutense, dass Übergewicht vielleicht auf ganz andere Art entsteht: Womöglich lässt Glutaminsäure, die ein wichtiger Bestandteil der Nahrungs-Eiweiße ist, die Appetit-Regulation im Gehirn entgleisen.
Den gleichen Effekt dürfte die Verwendung des verbreiteten Geschmacksverstärkers Mononatriumglutamat haben, der in vielen Fertigprodukten steckt, denn er ist chemisch mit der Glutaminsäure verwandt.
Nach einer Mahlzeit spalten Verdauungsenzyme die Proteine in ihre Bestandteile, die Aminosäuren, auf. Zu diesen zählt auch Glutaminsäure. In Milcheiweiß ist sie zu etwa 20 Prozent enthalten, im Fleisch zu 16 Prozent.
Normalerweise wird sie von der Leber zügig verstoffwechselt. Nehmen wir jedoch zuviel Eiweiß auf, kann die Leber die großen Mengen an Glutaminsäure nicht mehr verarbeiten: Sie reichert sich im Blut an und gelangt schließlich auch in die Gehirnregionen, die den Appetit steuern.
Ein Teil dieser Regulation erfolgt in einer gerade reiskorngroßen Struktur im Zwischenhirn, dem so genannten Nucleus arcuatus.
Dessen Nervenzellen reagieren auf die Glutaminsäure, denn ihre Oberfläche ist gepflastert mit so genannten NMDA-Rezeptoren. An diese winzigen Andockstellen lagert sich die Aminosäure an. Sogleich werden die Rezeptoren aktiv: Sie öffnen winzige Kanälchen in der Zellhülle, durch die Kalzium in das Zellinnere strömt. Das löst dort eine biochemische Reaktionskaskaden aus und das Hungergefühl schwindet.
Zu viel Glutaminsäure im Blut hat einen negativen Effekt: Der Erregungszustand an, bis die Zellen im schlimmsten Fall durch Übererregung absterben. Als Folge verlieren mit Proteinen überversorgte Menschen das Sättigungsgefühl, sie verspüren dauernd Hunger, essen mehr als sie eigentlich brauchen – und nehmen zu.
Alzheimer-Medikament als Appetitbremse
Die zündende Idee des Kieler Forschers und seines spanischen Kollegen ist nun, den Teufelskreis von überreizten Rezeptoren und ungebremstem Appetit mit so genannten NMDA-Blockern zu durchbrechen.
Diese Moleküle schlüpfen vorübergehend in den Kalziumkanal. Dadurch verhindern sie den Einstrom von Kalzium-Ionen und verhindern so die Appetit anregende Wirkung der Glutaminsäure auf die Zellen. Dadurch hemmen sie den Einstrom von Kalzium-Ionen. Der Nucleus arcuatus löst das Sättigungsgefühl zum richtigen Zeitpunkt aus und die normale Appetit-Regulation bleibt somit erhalten.
Zu diesen Blockern zählt das Medikament Memantin, das bereits zur Behandlung von Altersdemenz und der Alzheimerschen Erkrankung eingesetzt wird. Hermanussen: „Memantin schützt die Zellen vor der Kalziumvergiftung, greift aber nicht, wie herkömmliche Appetitzügler, in die Regulation ein.“
Verblüffender Erfolg
Erste Therapieversuche brachten überraschende Erfolge. Die Patienten verloren innerhalb von Stunden ihren gesteigerten Appetit, und die Portionen auf dem Teller waren ihnen plötzlich viel zu groß. Weil sie nun weniger aßen, nahmen sie pro Woche zwischen einem und zwei Kilo ab.
Die These des Forschers von der Förde könnte erklären, warum sich gerade in den USA die Fettleibigkeitsepidemie fortsetzt. Obwohl dort viele Menschen die Fettaufnahme drastisch reduzierten, sind mehr als 65 Prozent der erwachsenen US-Bürger übergewichtig, etwa 30 Prozent davon fettsüchtig. „Im Fast Food“, erklärt Hermanussen, „ist viel Protein enthalten, und der Anteil an Glutaminsäure ist durch die Zugabe von Natriumglutamat besonders hoch. In fettreduzierten Lebensmitteln wiederum, etwa bei bestimmten Käsemarken, ist der Eiweißanteil entsprechend höher.“
Eiweißarme Kost – Weg aus der Fettfalle
Menschen mit zu vielen Pfunden auf der Hüfte sollten so weit als möglich auf vegetarische Kost umsteigen, rät Hermanussen. Sie müssten sich eiweißärmer ernähren, um ihr neues Gewicht zu halten. Fleisch sollte es, wie zu Großmutters Zeiten, nur einmal in der Woche geben, auch bei Milchprodukten sollten sie sich bremsen, schließlich enthalte Quark fast so viel Eiweiß ist wie Fleisch. „Entscheidend sind aber die Mengen“, sagt er. „Probleme gibt es nur, wenn man die Leber überfrachtet.“
Michael Odenwald für focus : http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/...m?id=15330
Das klingt schon ziemlich „brauchbar“, auf jeden Fall um Welten besser als die üblichen Erklärungsversuche und Ratschläge zum Abspecken.
Ob allerdings ein Alzheimer-Medikament ?(
?( der Weisheit letzter Schluss sein soll -> das wage ich stark zu bezweifeln. Der Versuch allerdings zeigt deutlich, dass an den „Pfunden“ wohl ein ge –/ verstörter Neurotransmitter-Stoffwechsel Schuld ist .
Und der pauschale Rat, eine eiweißarme Kost einzuhalten, dürfte ebenfalls etwas „verquer“ sein: es kommt auf die „Quelle des Eiweißes“ an.....denn auch „pflanzliches“ Eiweiß kann einem übel mitspielen -> z.B. Gluten, Soja o.ä.
Uli
| 07.06.05 |
Ein neuer Therapie-Ansatz kann helfen, übergroßen Appetit auf Normalmaß zu schrauben. Von Michael Odenwald Übergewicht entsteht anders als bisher gedacht, glauben Forscher aus Kiel und Madrid. Sie entwickeln eine neue Therapie zur Bekämpfung der Fettleibigkeit.
Der Streit um die richtige Diät entbrennt regelmäßig aufs Neue. Um abzunehmen, solle man fettarm essen, sagen einige Ernährungswissenschaftler. Schließlich verursache übermäßiger Genuss fettreicher Speisen die überflüssigen Pfunde. Es gelte eher die Kohlenhydrate zu reduzieren, kontern andere, da es diese Stoffe dem Körper erst ermöglichen, die Fettpölsterchen aufzubauen.
Enthemmter Hunger
Nun entdeckten Michael Hermanussen, Professor für Kinderheilkunde an der Universität Kiel, und Jesus Tresguerres, Internist an der Madrider Universidad Complutense, dass Übergewicht vielleicht auf ganz andere Art entsteht: Womöglich lässt Glutaminsäure, die ein wichtiger Bestandteil der Nahrungs-Eiweiße ist, die Appetit-Regulation im Gehirn entgleisen.
Den gleichen Effekt dürfte die Verwendung des verbreiteten Geschmacksverstärkers Mononatriumglutamat haben, der in vielen Fertigprodukten steckt, denn er ist chemisch mit der Glutaminsäure verwandt.
Nach einer Mahlzeit spalten Verdauungsenzyme die Proteine in ihre Bestandteile, die Aminosäuren, auf. Zu diesen zählt auch Glutaminsäure. In Milcheiweiß ist sie zu etwa 20 Prozent enthalten, im Fleisch zu 16 Prozent.
Normalerweise wird sie von der Leber zügig verstoffwechselt. Nehmen wir jedoch zuviel Eiweiß auf, kann die Leber die großen Mengen an Glutaminsäure nicht mehr verarbeiten: Sie reichert sich im Blut an und gelangt schließlich auch in die Gehirnregionen, die den Appetit steuern.
Ein Teil dieser Regulation erfolgt in einer gerade reiskorngroßen Struktur im Zwischenhirn, dem so genannten Nucleus arcuatus.
Dessen Nervenzellen reagieren auf die Glutaminsäure, denn ihre Oberfläche ist gepflastert mit so genannten NMDA-Rezeptoren. An diese winzigen Andockstellen lagert sich die Aminosäure an. Sogleich werden die Rezeptoren aktiv: Sie öffnen winzige Kanälchen in der Zellhülle, durch die Kalzium in das Zellinnere strömt. Das löst dort eine biochemische Reaktionskaskaden aus und das Hungergefühl schwindet.
Zu viel Glutaminsäure im Blut hat einen negativen Effekt: Der Erregungszustand an, bis die Zellen im schlimmsten Fall durch Übererregung absterben. Als Folge verlieren mit Proteinen überversorgte Menschen das Sättigungsgefühl, sie verspüren dauernd Hunger, essen mehr als sie eigentlich brauchen – und nehmen zu.
Alzheimer-Medikament als Appetitbremse
Die zündende Idee des Kieler Forschers und seines spanischen Kollegen ist nun, den Teufelskreis von überreizten Rezeptoren und ungebremstem Appetit mit so genannten NMDA-Blockern zu durchbrechen.
Diese Moleküle schlüpfen vorübergehend in den Kalziumkanal. Dadurch verhindern sie den Einstrom von Kalzium-Ionen und verhindern so die Appetit anregende Wirkung der Glutaminsäure auf die Zellen. Dadurch hemmen sie den Einstrom von Kalzium-Ionen. Der Nucleus arcuatus löst das Sättigungsgefühl zum richtigen Zeitpunkt aus und die normale Appetit-Regulation bleibt somit erhalten.
Zu diesen Blockern zählt das Medikament Memantin, das bereits zur Behandlung von Altersdemenz und der Alzheimerschen Erkrankung eingesetzt wird. Hermanussen: „Memantin schützt die Zellen vor der Kalziumvergiftung, greift aber nicht, wie herkömmliche Appetitzügler, in die Regulation ein.“
Verblüffender Erfolg
Erste Therapieversuche brachten überraschende Erfolge. Die Patienten verloren innerhalb von Stunden ihren gesteigerten Appetit, und die Portionen auf dem Teller waren ihnen plötzlich viel zu groß. Weil sie nun weniger aßen, nahmen sie pro Woche zwischen einem und zwei Kilo ab.
Die These des Forschers von der Förde könnte erklären, warum sich gerade in den USA die Fettleibigkeitsepidemie fortsetzt. Obwohl dort viele Menschen die Fettaufnahme drastisch reduzierten, sind mehr als 65 Prozent der erwachsenen US-Bürger übergewichtig, etwa 30 Prozent davon fettsüchtig. „Im Fast Food“, erklärt Hermanussen, „ist viel Protein enthalten, und der Anteil an Glutaminsäure ist durch die Zugabe von Natriumglutamat besonders hoch. In fettreduzierten Lebensmitteln wiederum, etwa bei bestimmten Käsemarken, ist der Eiweißanteil entsprechend höher.“
Eiweißarme Kost – Weg aus der Fettfalle
Menschen mit zu vielen Pfunden auf der Hüfte sollten so weit als möglich auf vegetarische Kost umsteigen, rät Hermanussen. Sie müssten sich eiweißärmer ernähren, um ihr neues Gewicht zu halten. Fleisch sollte es, wie zu Großmutters Zeiten, nur einmal in der Woche geben, auch bei Milchprodukten sollten sie sich bremsen, schließlich enthalte Quark fast so viel Eiweiß ist wie Fleisch. „Entscheidend sind aber die Mengen“, sagt er. „Probleme gibt es nur, wenn man die Leber überfrachtet.“
Michael Odenwald für focus : http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/...m?id=15330
Das klingt schon ziemlich „brauchbar“, auf jeden Fall um Welten besser als die üblichen Erklärungsversuche und Ratschläge zum Abspecken.
Ob allerdings ein Alzheimer-Medikament ?(

Und der pauschale Rat, eine eiweißarme Kost einzuhalten, dürfte ebenfalls etwas „verquer“ sein: es kommt auf die „Quelle des Eiweißes“ an.....denn auch „pflanzliches“ Eiweiß kann einem übel mitspielen -> z.B. Gluten, Soja o.ä.
Uli