07.12.2005, 17:21
Ernährung
Völlerei ohne Reue?
Von Joachim Müller-Jung
http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B...t.html#top
06. Dezember 2005 Die äußerlichen Randbedingungen der vor uns liegenden christlichen Festtage bringen alle Voraussetzungen mit, eine medizinische Krise der heutigen Generationen weiter zu verschärfen. Es ist die grassierende Fettleibigkeit. Etwa die Hälfte der Frauen und Männer und schon jedes fünfte Kind gelten hierzulande als übergewichtig bis fettsüchtig. Und damit ist möglicherweise, wie die Situation in anderen europäischen Ländern oder in den Vereinigten Staaten zeigt, noch gar nicht das Ende der Entwicklung erreicht.
Bis heute fehlt zwar der letzte Nachweis, daß zuviel Fett am Leib allein tatsächlich die Sterblichkeit vergrößert. Aber allein die mit der Fettleibigkeit verbundenen Risikofaktoren beispielsweise für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen - gestörter Fettstoffwechsel und hoher Bluthochdruck etwa - oder die Belastungen des Skeletts sind für Mediziner Grund genug, immer vehementer schnelle Lösungen einzufordern.
Appetitzügler in diskreter Rolle
Auffallend ist, daß die Appetitzügler in diesem Chor als die große pharmakologische Lösung eine bemerkenswert diskrete Rolle spielen. Diäten, Sport, ja sogar der chirurgische Eingriff am Magen scheinen derzeit populärer. Ein Ergebnis wohl auch der vielen Fehlschläge, die man mit Schlankheitspillen in den vergangenen Jahrzehnten zu verzeichnen hat. Selbst die großen biochemischen Entdeckungen der neunziger Jahre, allen voran des Sättigungshormons Leptin, das von den Fettzellen produziert wird, oder des Appetithormons Ghrelin, hat uns der hochwirksamen und vor allem sicheren Antifettpille nicht entscheidend näher gebracht.
In den vergangenen Wochen freilich ist durch verschiedene Publikationen klargeworden, daß die Schlankheitsforscher die Hoffnung darauf keineswegs aufgegeben haben. Als besonders spektakulär hätte in diesem Zusammenhang die Entdeckung eines dritten, für den Energiehaushalt des Körpers möglicherweise wegweisenden Hormons gelten können, über die Jian Zhang und seine Kollegen von der Stanford University in der Zeitschrift „Science” (Bd. 310, S. 996) berichteten. Doch das „Obestatin”, ein biochemischer Gegenspieler des appetitfördernden Hormons Ghrelin, das ebenso wie dieses im Magen und sogar aus demselben Vorläuferprotein entsteht, hat in Experimenten mit Mäusen allenfalls moderate Effekte gezeigt. Es minderte die Nahrungsaufnahme nur wenig und verringerte die Gewichtszunahme nur leicht. Unbeantwortet blieb, ob das kleine Hormonpeptid tatsächlich den Fettstoffwechsel beeinflußt oder doch nur deshalb den Appetit zügelt, weil es Übelkeit erzeugt. Zudem zirkuliert es in extrem geringen Mengen im Blut - warum nur?
Blockade die Lösung?
Ob der neue Hoffnungsträger also den Fettzuwachs eindämmt, wie sein Name „Obestatin” wohl vermitteln sollte, steht vorerst dahin. Nicht entscheidend weiter ist man auch bei dem Versuch gekommen, das appetitanregende Hormon Ghrelin zu bändigen. In dem „Journal of Clinical Investigation” (Bd.12, S. 3573 u. 3564) haben zwei Gruppen mit Experimenten an Mäusen zumindest gezeigt, daß „die Blockade dieses Hormons eine Option bleibt”, wie es in einem Kommentar heißt. Jungen Mäusen, die das Ghrelin erst gar nicht herstellen, weil man gentechnisch eingegriffen hatte, oder die keinen Ghrelin-Rezeptor produzieren, blieben trotz kalorienreichem Futter schlank. Unklar ist jedoch, warum diese Blockade ausgerechnet bei ausgewachsenen Tieren nicht wirkt - jedenfalls bei früheren Experimenten nicht gewirkt hat. Ähnlich rätselhaft blieb lange, weshalb das Sättigungshormon Leptin bei dicken Menschen in großen Mengen im Blut zirkuliert und trotzdem deren Appetit nicht zu mindern vermag.
Robert Unger und seine Kollegen von der University of Texas haben nun vielleicht eine wichtige Weiche gefunden, wie sie jetzt in der Online-Ausgabe der „Proceedings” der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten. Offenbar sorgt ein auch von den Fettzellen hergestellter, unbekannter Faktor dafür, daß der Rezeptor bei dicken Menschen kaum produziert wird. Das Sättigungssignal läuft quasi ins Leere.
Die Mühe lohnt sich am Ende doch
Inwieweit ein aus dieser Forschung hervorgehender Wirkstoff Fortschritte bringt oder etwa das für das kommende Jahr zur Zulassung angekündigte „Rimonobant”, das den Cannabinoid-1-Rezeptor im Gehirn blockiert und so den Appetit zügeln soll, scheint jedenfalls einerlei. In einer zeitgleich mit den ersten klinischen Ergebnissen von Rimonobant publizierten Studie der University of Pennsylvania hat sich nämlich gezeigt, daß die Schlankheitspillen erst richtig wirken, wenn sich die Betroffenen auch in ihrem Lebensstil ganz konsequent mäßigen (”New England Journal of Medicine”, Bd. 353, S. 2111).
Wenn sie über Jahre hinweg regelmäßig ihr Bemühen um Gewichtsreduktion dokumentieren, wenn sie Tagebuch führen, den Arzt einbinden und wenn sie darüber hinaus womöglich an Gruppensitzungen teilnehmen, haben sie wegen der damit einhergehenden psychischen Effekte gute Chancen, doppelt soviel abzunehmen wie ihre Leidensgenossen ohne Antifettpille.
Text: F.A.Z., 7. Dezember 2005
Uli
Völlerei ohne Reue?
Von Joachim Müller-Jung
http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B...t.html#top
06. Dezember 2005 Die äußerlichen Randbedingungen der vor uns liegenden christlichen Festtage bringen alle Voraussetzungen mit, eine medizinische Krise der heutigen Generationen weiter zu verschärfen. Es ist die grassierende Fettleibigkeit. Etwa die Hälfte der Frauen und Männer und schon jedes fünfte Kind gelten hierzulande als übergewichtig bis fettsüchtig. Und damit ist möglicherweise, wie die Situation in anderen europäischen Ländern oder in den Vereinigten Staaten zeigt, noch gar nicht das Ende der Entwicklung erreicht.
Bis heute fehlt zwar der letzte Nachweis, daß zuviel Fett am Leib allein tatsächlich die Sterblichkeit vergrößert. Aber allein die mit der Fettleibigkeit verbundenen Risikofaktoren beispielsweise für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen - gestörter Fettstoffwechsel und hoher Bluthochdruck etwa - oder die Belastungen des Skeletts sind für Mediziner Grund genug, immer vehementer schnelle Lösungen einzufordern.
Appetitzügler in diskreter Rolle
Auffallend ist, daß die Appetitzügler in diesem Chor als die große pharmakologische Lösung eine bemerkenswert diskrete Rolle spielen. Diäten, Sport, ja sogar der chirurgische Eingriff am Magen scheinen derzeit populärer. Ein Ergebnis wohl auch der vielen Fehlschläge, die man mit Schlankheitspillen in den vergangenen Jahrzehnten zu verzeichnen hat. Selbst die großen biochemischen Entdeckungen der neunziger Jahre, allen voran des Sättigungshormons Leptin, das von den Fettzellen produziert wird, oder des Appetithormons Ghrelin, hat uns der hochwirksamen und vor allem sicheren Antifettpille nicht entscheidend näher gebracht.
In den vergangenen Wochen freilich ist durch verschiedene Publikationen klargeworden, daß die Schlankheitsforscher die Hoffnung darauf keineswegs aufgegeben haben. Als besonders spektakulär hätte in diesem Zusammenhang die Entdeckung eines dritten, für den Energiehaushalt des Körpers möglicherweise wegweisenden Hormons gelten können, über die Jian Zhang und seine Kollegen von der Stanford University in der Zeitschrift „Science” (Bd. 310, S. 996) berichteten. Doch das „Obestatin”, ein biochemischer Gegenspieler des appetitfördernden Hormons Ghrelin, das ebenso wie dieses im Magen und sogar aus demselben Vorläuferprotein entsteht, hat in Experimenten mit Mäusen allenfalls moderate Effekte gezeigt. Es minderte die Nahrungsaufnahme nur wenig und verringerte die Gewichtszunahme nur leicht. Unbeantwortet blieb, ob das kleine Hormonpeptid tatsächlich den Fettstoffwechsel beeinflußt oder doch nur deshalb den Appetit zügelt, weil es Übelkeit erzeugt. Zudem zirkuliert es in extrem geringen Mengen im Blut - warum nur?
Blockade die Lösung?
Ob der neue Hoffnungsträger also den Fettzuwachs eindämmt, wie sein Name „Obestatin” wohl vermitteln sollte, steht vorerst dahin. Nicht entscheidend weiter ist man auch bei dem Versuch gekommen, das appetitanregende Hormon Ghrelin zu bändigen. In dem „Journal of Clinical Investigation” (Bd.12, S. 3573 u. 3564) haben zwei Gruppen mit Experimenten an Mäusen zumindest gezeigt, daß „die Blockade dieses Hormons eine Option bleibt”, wie es in einem Kommentar heißt. Jungen Mäusen, die das Ghrelin erst gar nicht herstellen, weil man gentechnisch eingegriffen hatte, oder die keinen Ghrelin-Rezeptor produzieren, blieben trotz kalorienreichem Futter schlank. Unklar ist jedoch, warum diese Blockade ausgerechnet bei ausgewachsenen Tieren nicht wirkt - jedenfalls bei früheren Experimenten nicht gewirkt hat. Ähnlich rätselhaft blieb lange, weshalb das Sättigungshormon Leptin bei dicken Menschen in großen Mengen im Blut zirkuliert und trotzdem deren Appetit nicht zu mindern vermag.
Robert Unger und seine Kollegen von der University of Texas haben nun vielleicht eine wichtige Weiche gefunden, wie sie jetzt in der Online-Ausgabe der „Proceedings” der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten. Offenbar sorgt ein auch von den Fettzellen hergestellter, unbekannter Faktor dafür, daß der Rezeptor bei dicken Menschen kaum produziert wird. Das Sättigungssignal läuft quasi ins Leere.
Die Mühe lohnt sich am Ende doch
Inwieweit ein aus dieser Forschung hervorgehender Wirkstoff Fortschritte bringt oder etwa das für das kommende Jahr zur Zulassung angekündigte „Rimonobant”, das den Cannabinoid-1-Rezeptor im Gehirn blockiert und so den Appetit zügeln soll, scheint jedenfalls einerlei. In einer zeitgleich mit den ersten klinischen Ergebnissen von Rimonobant publizierten Studie der University of Pennsylvania hat sich nämlich gezeigt, daß die Schlankheitspillen erst richtig wirken, wenn sich die Betroffenen auch in ihrem Lebensstil ganz konsequent mäßigen (”New England Journal of Medicine”, Bd. 353, S. 2111).
Wenn sie über Jahre hinweg regelmäßig ihr Bemühen um Gewichtsreduktion dokumentieren, wenn sie Tagebuch führen, den Arzt einbinden und wenn sie darüber hinaus womöglich an Gruppensitzungen teilnehmen, haben sie wegen der damit einhergehenden psychischen Effekte gute Chancen, doppelt soviel abzunehmen wie ihre Leidensgenossen ohne Antifettpille.
Text: F.A.Z., 7. Dezember 2005
Uli