01.03.2006, 21:24
Diabetes
Süßes Leben in der Südsee
Von Lisa Hirn, Heidelberg
01. März 2006 Verena Keck, Professorin für Ethnologie an der Universität Heidelberg, wunderte sich über das Frühstück, das ihr die Gastgeber vom Stamm der Chamorro auf Guam servierten: Es gab fettige Gerichte, Weißmehlprodukte, Fleisch.
http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B...ntent.html
02.
Keck, die zwischen 1993 und 1998 bei den Chamorro zu neurodegenerativen Erkrankungen forschte, bemerkte gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes, daß viele Menschen übergewichtig waren. Bald wußte sie auch, warum: „Das Kind der Familie, bei der ich lebte, bekam auf den Schulweg meistens Chips und eine Dose Cola mit - natürlich nicht light.” ( und ich treffe die Schulkindern morgens um halb acht mit Kindermilchschnitte und Mezzomix auf dem Schulweg.........).
Die fettleibigsten Esser, so entdeckte die Ethnologin, sitzen nicht in Amerika. Die höchste Diabetesrate herrscht vielmehr bei den Bewohnern von Nauru, dem kleinsten Inselstaat der Welt.
Schwer verdauliche Folgen
Die Pazifikinseln in der Südsee, teils bevölkerte Inseln mit Großstädten, teils winzige Eilande ohne Anzeichen menschlichen Lebens, bestehen nicht nur aus Strand, Sonne, Meer und Palmen. Die Fischer, die mit ihren Booten Fische aus dem Meer holen und fangfrisch am Strand über dem Feuer zubereiten, die glücklichen Menschen im Baströckchen, die mit dem Strohhalm frische Milch direkt aus der Kokosnuß schlürfen - sie leben in der Phantasie westlicher Besucher, aber nicht auf den fernen Inseln.
Denn das moderne Leben bringt auch in der Südsee einige Annehmlichkeiten mit sich: Das Essen muß nicht mehr gejagt oder bei Wind und Wetter aus dem Meer gefischt werden. Es genügt, mit dem Auto zum Supermarkt zu fahren und einzukaufen. Die Speisenfolge diktiert nicht die Saison - sondern der Appetit.
Und das hat schwer verdauliche Folgen wie Übergewicht, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München, nennt diese Form von Diabetes „eine Wohlstandskrankheit”.
Nauru ist das Land mit den dicksten Bewohnern
„Sie tritt immer häufiger als Folge von Übergewicht und ungesundem Lebenswandel auf. Durch diese Faktoren entsteht eine Insulinresistenz. Das heißt, die Betroffenen produzieren noch genügend Insulin, das Insulin wirkt aber nicht mehr richtig und kann die aufgenommene übermäßige Glukose nicht mehr richtig verwerten.” Rund acht Prozent der Amerikaner und rund sieben Prozent der Deutschen leiden schon unter Diabetes. In Deutschland haben mehr als 90 Prozent der Patienten den Typ-2-Diabetes.
Auf den Pazifikinseln sieht es sogar noch schlimmer aus. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation sind auf Nauru 75 Prozent aller Erwachsenen übergewichtig oder fettleibig. Die Diabetesrate liegt bei 40 bis 45 Prozent: Prozentual gesehen ist Nauru also das Land der Welt mit den dicksten Bewohnern.
In den anderen Inselstaaten Ozeaniens sieht es ähnlich aus: Auf Guam, Kiribati, Tonga und den Marshall Islands ist Typ-2-Diabetes die größte Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung. Weil sich viele Menschen der Ursachen der Krankheit nicht bewußt sind, müssen immer häufiger Gliedmaßen amputiert werden. Die vielen Diabetes-Fälle drücken auch auf die durchschnittliche Lebenserwartung: Frauen werden statistisch 66,1, Männer gerade einmal 58,8 Jahre alt.
Genetische Vorbestimmung
Verena Keck macht mehrere Gründe dafür aus, daß die abgelegenen Inseln getroffen sind. „Erstens die kulturelle Bedeutung des Essens, des weiteren die schnelle Verwestlichung dieser Länder.” Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten der Inseln im Südpazifik isoliert. Erst nach 1945 kam es zu engem Kontakt mit der westlichen Welt. Der Einfluß der Zivilisation spiegelt sich auch in den Krankheitsbildern: 1925 gab es auf Nauru nur einen Diabetesfall. 1975 waren schon 33 von 100 Menschen erkrankt. Heute leidet fast jeder zweite Nauruaner an Diabetes.
Als dritten Grund nennt die Heidelberger Medizinethnologin, die sich vor allem mit dem Zusammenhang von Krankheit und Kultur beschäftigt, die genetische Vorbestimmung durch das „thrifty gene”. Dieses „knausrige Gen” findet sich bei vielen traditionellen Völkern des Pazifikraums. Es bewirkt, daß jede noch so kleine Menge Fett im Körper gespeichert wird.
Zu Zeiten von Hungersnöten und oft tagelangem Fischfang auf dem Meer war das Gen sicher hilfreich - aber heute entwickelt es sich zum Risikofaktor. Und nicht zuletzt gehen Wohlstand und hoher Status für viele Pazifikvölker von jeher mit einer gewissen Körperfülle einher. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Ob Schönheitswettbewerbe mit dem Titel „Big is beautiful” oder Feste mit überreichlich gedeckten Tafeln - es gilt die Regel: Je mehr, desto besser.
Rettung aus purer Not
Doch nicht nur die äußeren Einflüsse mit importierten Fertiggerichten und leichtem Zugang zu fettigen, salzigen und süßen Speisen sind schuld an der Verfettung. Auch Bewegungsmangel ist ein Problem. Die meisten Bewohner der Inselstaaten besitzen mittlerweile Autos. „Meine Gastfamilie lebte 300 Meter entfernt von der Kirche”, erzählt Keck. „Aber zum Gottesdienst fuhren wir mit dem Auto.” Fitnessstudios gibt es nur in den Städten. Die meisten Leute haben ohnehin kein Geld dafür. Sport wird kaum betrieben - bei rund 35 Grad im Schatten und der Möglichkeit, daß einer der vielen streunenden Hunde die Joggerwade vielleicht zum Anbeißen findet.
Sterben die Bewohner der Südsee-Trauminseln dank ihres schönen neuen Lebens womöglich noch aus? Verena Keck sieht die Rettung in verstärkter Gesundheitsaufklärung. Vielleicht ist die Hilfe für Nauru schon nah. Denn seit der einst florierende Phosphathandel zusammenbrach, ist die Insel bankrott.
Autos werden wieder unerschwinglich. Importierte Lebensmittel sind für viele Menschen zu teuer. Im Dezember 2005 verlor die Air Nauru, die einzige Fluggesellschaft, die Nauru anfliegt, ihr Flugzeug aus finanziellen Gründen. Die Ethnologin sieht solche Entwicklungen durchaus positiv: „Die Nauruaner haben auf großem Fuß gelebt, auf Kosten ihrer Gesundheit. Jetzt haben sie vielleicht wieder eine Chance.” Aus purer Not müssen sich die Menschen wieder auf ihre traditionelle Ernährung besinnen.
Süßes Leben in der Südsee
Von Lisa Hirn, Heidelberg
01. März 2006 Verena Keck, Professorin für Ethnologie an der Universität Heidelberg, wunderte sich über das Frühstück, das ihr die Gastgeber vom Stamm der Chamorro auf Guam servierten: Es gab fettige Gerichte, Weißmehlprodukte, Fleisch.
http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B...ntent.html
02.
Keck, die zwischen 1993 und 1998 bei den Chamorro zu neurodegenerativen Erkrankungen forschte, bemerkte gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes, daß viele Menschen übergewichtig waren. Bald wußte sie auch, warum: „Das Kind der Familie, bei der ich lebte, bekam auf den Schulweg meistens Chips und eine Dose Cola mit - natürlich nicht light.” ( und ich treffe die Schulkindern morgens um halb acht mit Kindermilchschnitte und Mezzomix auf dem Schulweg.........).
Die fettleibigsten Esser, so entdeckte die Ethnologin, sitzen nicht in Amerika. Die höchste Diabetesrate herrscht vielmehr bei den Bewohnern von Nauru, dem kleinsten Inselstaat der Welt.
Schwer verdauliche Folgen
Die Pazifikinseln in der Südsee, teils bevölkerte Inseln mit Großstädten, teils winzige Eilande ohne Anzeichen menschlichen Lebens, bestehen nicht nur aus Strand, Sonne, Meer und Palmen. Die Fischer, die mit ihren Booten Fische aus dem Meer holen und fangfrisch am Strand über dem Feuer zubereiten, die glücklichen Menschen im Baströckchen, die mit dem Strohhalm frische Milch direkt aus der Kokosnuß schlürfen - sie leben in der Phantasie westlicher Besucher, aber nicht auf den fernen Inseln.
Denn das moderne Leben bringt auch in der Südsee einige Annehmlichkeiten mit sich: Das Essen muß nicht mehr gejagt oder bei Wind und Wetter aus dem Meer gefischt werden. Es genügt, mit dem Auto zum Supermarkt zu fahren und einzukaufen. Die Speisenfolge diktiert nicht die Saison - sondern der Appetit.
Und das hat schwer verdauliche Folgen wie Übergewicht, Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München, nennt diese Form von Diabetes „eine Wohlstandskrankheit”.
Nauru ist das Land mit den dicksten Bewohnern
„Sie tritt immer häufiger als Folge von Übergewicht und ungesundem Lebenswandel auf. Durch diese Faktoren entsteht eine Insulinresistenz. Das heißt, die Betroffenen produzieren noch genügend Insulin, das Insulin wirkt aber nicht mehr richtig und kann die aufgenommene übermäßige Glukose nicht mehr richtig verwerten.” Rund acht Prozent der Amerikaner und rund sieben Prozent der Deutschen leiden schon unter Diabetes. In Deutschland haben mehr als 90 Prozent der Patienten den Typ-2-Diabetes.
Auf den Pazifikinseln sieht es sogar noch schlimmer aus. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation sind auf Nauru 75 Prozent aller Erwachsenen übergewichtig oder fettleibig. Die Diabetesrate liegt bei 40 bis 45 Prozent: Prozentual gesehen ist Nauru also das Land der Welt mit den dicksten Bewohnern.
In den anderen Inselstaaten Ozeaniens sieht es ähnlich aus: Auf Guam, Kiribati, Tonga und den Marshall Islands ist Typ-2-Diabetes die größte Bedrohung für die Gesundheit der Bevölkerung. Weil sich viele Menschen der Ursachen der Krankheit nicht bewußt sind, müssen immer häufiger Gliedmaßen amputiert werden. Die vielen Diabetes-Fälle drücken auch auf die durchschnittliche Lebenserwartung: Frauen werden statistisch 66,1, Männer gerade einmal 58,8 Jahre alt.
Genetische Vorbestimmung
Verena Keck macht mehrere Gründe dafür aus, daß die abgelegenen Inseln getroffen sind. „Erstens die kulturelle Bedeutung des Essens, des weiteren die schnelle Verwestlichung dieser Länder.” Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten der Inseln im Südpazifik isoliert. Erst nach 1945 kam es zu engem Kontakt mit der westlichen Welt. Der Einfluß der Zivilisation spiegelt sich auch in den Krankheitsbildern: 1925 gab es auf Nauru nur einen Diabetesfall. 1975 waren schon 33 von 100 Menschen erkrankt. Heute leidet fast jeder zweite Nauruaner an Diabetes.
Als dritten Grund nennt die Heidelberger Medizinethnologin, die sich vor allem mit dem Zusammenhang von Krankheit und Kultur beschäftigt, die genetische Vorbestimmung durch das „thrifty gene”. Dieses „knausrige Gen” findet sich bei vielen traditionellen Völkern des Pazifikraums. Es bewirkt, daß jede noch so kleine Menge Fett im Körper gespeichert wird.
Zu Zeiten von Hungersnöten und oft tagelangem Fischfang auf dem Meer war das Gen sicher hilfreich - aber heute entwickelt es sich zum Risikofaktor. Und nicht zuletzt gehen Wohlstand und hoher Status für viele Pazifikvölker von jeher mit einer gewissen Körperfülle einher. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Ob Schönheitswettbewerbe mit dem Titel „Big is beautiful” oder Feste mit überreichlich gedeckten Tafeln - es gilt die Regel: Je mehr, desto besser.
Rettung aus purer Not
Doch nicht nur die äußeren Einflüsse mit importierten Fertiggerichten und leichtem Zugang zu fettigen, salzigen und süßen Speisen sind schuld an der Verfettung. Auch Bewegungsmangel ist ein Problem. Die meisten Bewohner der Inselstaaten besitzen mittlerweile Autos. „Meine Gastfamilie lebte 300 Meter entfernt von der Kirche”, erzählt Keck. „Aber zum Gottesdienst fuhren wir mit dem Auto.” Fitnessstudios gibt es nur in den Städten. Die meisten Leute haben ohnehin kein Geld dafür. Sport wird kaum betrieben - bei rund 35 Grad im Schatten und der Möglichkeit, daß einer der vielen streunenden Hunde die Joggerwade vielleicht zum Anbeißen findet.
Sterben die Bewohner der Südsee-Trauminseln dank ihres schönen neuen Lebens womöglich noch aus? Verena Keck sieht die Rettung in verstärkter Gesundheitsaufklärung. Vielleicht ist die Hilfe für Nauru schon nah. Denn seit der einst florierende Phosphathandel zusammenbrach, ist die Insel bankrott.
Autos werden wieder unerschwinglich. Importierte Lebensmittel sind für viele Menschen zu teuer. Im Dezember 2005 verlor die Air Nauru, die einzige Fluggesellschaft, die Nauru anfliegt, ihr Flugzeug aus finanziellen Gründen. Die Ethnologin sieht solche Entwicklungen durchaus positiv: „Die Nauruaner haben auf großem Fuß gelebt, auf Kosten ihrer Gesundheit. Jetzt haben sie vielleicht wieder eine Chance.” Aus purer Not müssen sich die Menschen wieder auf ihre traditionelle Ernährung besinnen.